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3. Zu Aldous Huxleys Betrachtung der Stellung des Menschen

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Huxleys Sicht auf den Menschen beschränkt sich jedoch nicht auf die Akzeptanz seiner Individualität, zu deren Entfaltung er vor allem der Psyche bedarf. Denn die individuelle Verschiedenheit der Menschen entbindet sie nicht von gemeinsamer Verantwortung und humanistischem Handeln, einem Anspruch, dem sie selten gerecht werden, was Huxley veranlaßt, Mr. Scogan in "Crome Yellow" ganz allgemein äußern zu lassen: "Gern würde ich ... sagen können: Man nennt uns mit Recht Menschen". Scogan wird von Huxley eine Funktion über die des einfachen Advocatus Diaboli hinaus eingeräumt. Er bezieht gegen das Führen von Kriegen mit spöttischen Ausführungen Stellung und gibt die Geistlichkeit der Lächerlichkeit preis. Doch wie ernst die beschriebene Situation tatsächlich ist, wird erst durch die Kommentare des Autors deutlich, wenn er zum Beispiel die Regale im Studierzimmer des Pfarrhauses beschreibt als gefüllt mit theologischen Werken, wie sie von Antiquaren nach Gewicht verkauft würden.

Hier wird das Versagen der herkömmlichen Religion angedeutet, aber auch das Bedauern darüber. Spricht Scogan, so wird deutlich, daß Denis ihm begierig lauscht, um seine drängenden Fragen beantwortet zu bekommen. Übertragen auf Huxleys Entwicklung während des Aufenthaltes auf dem Morrell-Gut scheint dies darauf hinzudeuten, daß - in jener Zeit, in der auch Huxleys Auseinandersetzung mit der Unehrlichkeit der intellektuellen Welt begann - seine Überlegungen zur Schaffung einer Philosophie, die unterlegt ist mit einer Religiosität, welche konfessionsübergreifende Züge trägt, ihren Ursprung haben könnten. Die Diskussionen zwischen den handelnden Personen hätten dann, neben der bereits erwähnten Darstellung verschiedener Ansichten, die Aufgabe, Huxley selbst bei der Suche nach dem eigenen Standpunkt zu unterstützen. Wie schwierig solch ein Entwicklungsprozeß ist, wird in "Zeit muß enden" deutlich. Dort werden die Unwägbarkeiten tierischer Entwicklung am Beispiel eines Fisches mit denen bei der Reifung eines Menschen verglichen. Heringe seien lediglich äußeren Problemen während ihres Wachstums ausgesetzt. Menschen machten zudem die Tortur seelischen Reifens durch und wären im Verlaufe dieses Prozesses stets ihre schlimmsten Feinde. Die häufig durch Huxley thematisierte Suche nach Erkenntnis bei gleichzeitiger Beschreibung der zahlreichen Irrungen verdeutlicht, daß er die seelische Reifung des Menschen als einen lebenslangen Prozeß versteht.

Aber noch andere Parallelen zur Betrachtung des Menschen in späteren Werken werden bei der Lektüre des ersten Romans Aldous Huxleys offensichtlich. Er stellt den Menschen als fühlendes Wesen dar, das mit Hilfe von Empfindungen, welche durch die Rezeption bestimmter Kunstwerke ausgelöst werden, zum Verständnis der "göttlichen Wirklichkeit" geführt wird. Der Vorwurf einer lediglich vergeistigten Sicht auf die menschliche Existenz kann dennoch verworfen werden, da an der gleichen Stelle ebenfalls die Notwendigkeit der Existenz sinnlicher Freuden erwähnt und "die Lust" als einer der mystischen Wege zur Vereinigung mit dem Unendlichen bezeichnet wird. Einige der Vorgänge dieser Annäherung werden in "Themen und Variationen" (1950) beschrieben, worin sich Huxley auch als Kenner anderer künstlerischer Ebenen als der Literatur ausweist und Abhandlungen über das Barock, Goya, El Greco, den französischen Philosophen Maine de Biran und sogar über Marquis de Sade und vermeintliche menschliche Abartigkeit verfaßte. Besonders deutlich kristallisiert sich darin die, bereits oben angedeutete, Akzeptanz des Menschen als einem natürlichen Wesen, dem natürliche Verhaltensweisen zukommen, heraus.

Diese Sicht läßt sich auch mit Äußerungen handelnder Personen in anderen seiner Romane belegen, in denen eine der Ursachen seiner Kritik an bestehenden Religionen erkennbar wird, wenn er Keuschheit als unnatürlichste sämtlicher sexuellen Perversionen bezeichnet oder in seiner Essay-Sammlung "Do What You Will" das Erreichen des Seelenheils durch Selbstkasteiung stärker ablehnt als ein freimütiges Bekenntnis zur Sünde und in seiner Schlußfolgerung der Ansicht Ausdruck verleiht, beide Verhaltensweisen bewiesen, daß ihre Verfechter das Leben haßten und auf diese Weise zerstörten. Huxleys Bekenntnis zu natürlichen Verhaltensweisen und gegen falsche Heiligkeit im menschlichen Miteinander beschränkt sich jedoch nicht auf konfessionelle Fehleinstellungen. Er macht ebenso auf ähnliche Anschauungen im öffentlichen, namentlich politischen, Leben aufmerksam und subsumiert seine Haltung in der Stellungnahme Mr. Cardans, der wiederum in seiner gesamten Persönlichkeit deutliche Parallelen zu Huxley aufweist, wenn er ihn feststellen läßt, daß die bürgerliche ebenso wie die sozialismusorientierte Moral seines Gegenspielers Mr. Falx darauf gegründet ist, vor allem "Unkeuschheit" und "Unmäßigkeit" zu verdammen, um besser von anderem Fehlverhalten ablenken zu können.

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