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Die Bedeutsamkeit der Anschauungen Aldous Huxleys

von Dr. Jörg Schulz

2. Gesellschaftliche Relevanz einiger Ansichten Aldous Huxleys für Individuen entwickelter Industriestaaten in der Gegenwart

Beim Verfolgen der Rezeptionsgeschichte des Huxleyschen Werkes in Deutschland fällt zunächst besonders auf, daß von bürgerlichen Kritikern der Bundesrepublik ebenso wie durch Kritiker aus der DDR, dem Staat des „Experimentes Sozialismus“ auf deutschem Boden, Aldous Huxley das Betreiben praktizierenden Nihilismus' unterstellt wurde. So meinte H. Uhlig, „Affe und Wesen“ sei „mit christlichen Ideen verbrämter Nihilismus in Drehbuchform... Sein Zukunftsbild ist Atavismus, potentielle Grausamkeit, Mord und Menschenfresserei... Aufstand der Instinkte, Verbrecherherrschaft“. Uhlig sagt aus diesem Grunde den Roman als große literarische Gattung tot, ohne die gerade bei Huxley gewonnene neue Bedeutung des Romans als eines Mittels der Mahnung erkennen zu wollen.

Wesentlich differenzierter sieht H. Haber die immer wieder von Huxley aufgegriffene Thematik des Problems der Zukunft der Menschheit. Zu „Brave New World Revisited“ sagt er, Huxley „hat dabei untersucht, ... inwieweit ein machthungriger Diktator ... die Würde und die Freiheit der Menschen bedrohen kann“. Der Ansatzpunkt ist hier zwar ein anderer, da bei „Affe und Wesen“ die Katastrophe nach massivem Wissenschaftsmißbrauch als Beginn der Entstehung der neuen Ordnung dargestellt wird, während bei „Brave New World Revisited“ die hypothetische Möglichkeit der Machtaneignung und anschließender Manipulation der Menschheit im Sinne eines Potentaten als eventuelle Vorstufe zum Geschehen in „Affe und Wesen“ angesehen werden könnte. Aber, unabhängig von der literarischen Form (Essay bzw. Roman) kommt das gleiche Anliegen zum Ausdruck, die Warnung vor der Verwirklichung einer durch den Verlauf der jüngeren Weltgeschichte in realistische Nähe gerückten Vision, die er heraufbeschwört: „Der letzte einer Reihe von Weltkriegen bringt die fast völlige Zerstörung der Menschheit. Nur verkümmerte Reste leben fort“ (Eschmann). Gleichzeitig verweist Eschmann darauf, daß Huxley „vom Romancier zum Verkünder herübergewechselt ist“, er gestalte allerdings in „Affe und Wesen“ die „höllische Welt der Zukunft“ ... so grotesk, den Erwartungen des heutigen Durchschnittsmenschen über die eigene Zukunft so fern, daß der Leser nicht einmal abgestoßen wird“.

Wirkt also hier Huxleys Roman eher durch die Qualität der angewandten literarischen Mittel, „steht künstlerisch zweifellos über ‚Brave New World‘ ..., scheint sich ... auch über seine ... Erzählungen ‚Time Must Have A Stop‘ und ‚Nach vielen Sommern‘ zu erheben" (Eschmann), steht im Essay zu „Brave New World Revisited“ (in direktem Vergleich zu den im Roman „Brave New World“ entwickelten Vorstellungen einer umfassenden Manipulation der menschlichen Gesellschaft) das ernsthafte Bemühen im Vordergrund, „die Überlegungen, die er damals angestellt hatte, im Lichte von 25 Jahren wissenschaftlichen Fortschritts neu zu durchdenken“ (Haber, v. Uexküll). Das Resultat solcher Überlegungen wurde auch in der DDR, analog dem eingangs erwähnten Uhlig-Zitat, das zumindest für einen Teil der bundesrepublikanischen Huxley-Rezeption steht, als „pessimistisch und fortschrittsfeindlich“ (Meyers Universal-Lexikon) eingeschätzt.

Einige Kritiker an Huxley gehen sogar noch weiter, identifizieren sein Darstellungsweise mit Vorstellungen, die einer „dialektischen Persönlichkeitsentwicklungstheorie“ entgegenstünden (Kleinhempel), oder generell mit „einer einheitlichen bürgerlichen Ideologie, welche die Wissenschaft einerseits als allmächtigen Verursacher, andererseits als alleinigen Löser der Probleme darstellt, aber immer ablenkt vom Wesen der kapitalistischen Gesellschaft (Ploog). Genau dieses Argument ist sowohl mit den Aussagen Huxleys über die kapitalistische Gesellschaft als auch mit denen seiner Kritiker zu widerlegen. Huxley selbst sieht nämlich als ein Problem der Gesellschaft, in die er hineingeboren wurde, die ungenügende Regelung der Produktion an, die zyklische Krisen und Depressionen hervorruft, woraus der arbeitenden Bevölkerung große soziale Härten erwachsen. Er regt die Änderung der Leitung großer Produktionseinheiten an, präferiert kleine Produktionseinheiten, da in ihrem Ablauf viele Vorzüge des Individualismus erhalten blieben. Weiterhin bezeichnet er die Konzentration der Macht als Hemmnis für den sozialen und individuellen Fortschritt. Außerdem sei, Mitglied einer Masse zu sein, ein dem Alkoholrausch verwandtes Erlebnis, das es Diktatoren erleichtert, die Schranken der Persönlichkeit zu durchbrechen, indem sie den Menschen systematisch Gelegenheit für die Gestaltung der „Ferien vom Ich“ bieten.

Huxleys Schlußfolgerung ist die Anregung weitestgehender Dezentralisierung sowie Selbstverwaltung in Wirtschaft und in Politik. Solche Einstellungen, obwohl nicht als kommunistisch einzuordnen, stehen der bei Ploog aufgestellten Behauptung direkt entgegen und wurden auch so verstanden, wenn konstatiert wird, Huxleys Vorschläge führten zu Anarchie oder neuen Despotismen und das Resümee lautet: „Man gewinnt den Eindruck, daß ... der geschichtlichen Wahrheit Gewalt angetan oder die Psychologie der Situation nicht genügend berücksichtigt wird (Kamps). Immerhin gesteht Kamps dem Buch „Ziele und Wege“ zu, „für die westliche Welt der dreißiger Jahre ... repräsentativ zu sein, während Blöcker sowohl Huxleys philosophische (u.a. „Die ewige Philosophie“) als auch seine medizinisch und psychologisch relevanten Werke (z.B. „Die Kunst des Sehens“ und „Die Pforten der Wahrnehmung“) in die „Sphäre eines nicht immer überzeugenden Argumentierens“ verweist.

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