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Die Bedeutsamkeit der Anschauungen Aldous Huxleys

von Dr. Jörg Schulz

1. Die kritischen Romane Aldous Huxleys aus der Frühphase seiner schriftstellerischen Laufbahn und die Menschen in der Industriegesellschaft

Der Beginn der Frühphase von Aldous Huxleys schriftstellerischer Laufbahn dürfte mit der Jahresangabe 1920, als ein Band mit Kurzgeschichten unter dem Titel „Limbo“ erschien, richtig angesetzt sein. Vorherige literarische Betätigungen Huxleys beschränkten sich auf journalistische Arbeiten, die dem Broterwerb dienten - er rezensierte z.B. allein im Jahre 1919 mehr als zweihundert Bücher und Theaterstücke, schrieb in verschiedenen Zeitschriften über Alltagsthemen und erfand sogar Werbesprüche - oder auf das Schreiben von Gedichten, die zwar für gut genug befunden wurden, zunächst in drei Bänden 1916, 1917 und 1918 veröffentlicht zu werden, aber mit deren Hilfe allein er wahrscheinlich nicht in der Lage gewesen wäre, seinen späteren Weltruhm zu begründen.

Diese Ansicht unterstützt auch T.S. Eliot, der sich selbst nach Aldous Huxleys Tod nicht vom verklärten Blick auf das Idealbild eines Verstorbenen leiten ließ und in der Rückschau feststellte, daß er nicht imstande gewesen sei, irgendwelche Begeisterung für die in diesen Bänden stehenden Verse aufzubringen. Nach dieser Erläuterung meinte er, derartige Versuche seien Ausdruck der Suche Huxleys nach seiner eigenen schriftstellerischen Identität, in deren weiterem Verlauf er „sich klugerweise auf Essays und die Spielart von Roman und Erzählung, die er ganz besonders zu der seinen machte“, beschränkte. Bezüglich des gesamten Schaffens Huxleys zog er das Fazit, „sein Platz in der englischen Literatur ist einzigartig und ihm sicher“.

Jenen ausgezeichneten Platz unter den Schriftstellern Großbritanniens, aber auch der gesamten Welt, konnte Huxley allerdings nicht durch bloßes Ausloten seiner besonderen Begabungen erringen. Neben den persönlichen Erfahrungen seiner wichtigen Lehrjahre, die ihn zwangen, „aus der dünnen Luft des akademischen Parnaß herabzusteigen und ... so klar, knapp und konkret Stellung zu nehmen, daß er von einem breiten Leserpublikum verstanden wurde“ (T. Schumacher), also der Vervollkommnung seiner Kenntnisse des schriftstellerischen Handwerks und der damit verbundenen Entwicklung seines Sprachstils, führten unter anderem auch die weltpolitischen und im England der Nachkriegszeit des I. Weltkrieges stattgefundenen Ereignisse und Entwicklungen zu Porträts von Individuen im Zustand der Normenlosigkeit auf der Suche nach einem Sinnzusammenhang (vgl. Bode), da die traditionellen Werte fragwürdig geworden waren. Die dargestellte Entfremdung des Intellektuellen manifestierte sich in Isolation, Identitätsschwäche und abbrechendem Sinnbezug zur Wirklichkeit (vgl. Bode).

Dennoch waren die Schilderungen innerer Zerrissenheit, die als ein Abbild des äußeren Verfalls aufgefaßt wurden, nicht nur von Intellektuellen zur Kenntnis genommen worden, zumal sich Huxley über intellektuellen Dünkel lustig machte und die Welt reicher Nichtstuer, die für viele arbeitende Menschen anziehend erscheint, mit spöttischem Abstand beschrieb, z.B. in „Crome Yellow“.

Das Eingehen auf Aspekte zwischenmenschlicher Beziehungen, die als allgemeingültig gelten dürfen, wie enttäuschte Erwartungshaltungen oder die Problematik der Kompensation abgewiesener Versuche, sich einem anderen Menschen zu nähern, kam vor allem dem Bedürfnis junger Leser nach Informationen über den richtigen Umgang mit ihrer Gefühlswelt entgegen. Defizite in der Kommunikationsfähigkeit sowie Handlungsunsicherheiten und ihre Überwindung spielen eine Rolle, aber auch das Scheitern von Individuen wird gezeigt. Gelten Huxleys frühe Romane zwar nicht als Handlungsanleitung, regen sie doch immerhin zum Nachdenken an, zumal der Bezug der auftretenden Personen zwischen psychischer Distanz und Nähe wechselt. Beschreibungen der Realitätsferne in der Handlung vorkommender Personen, Entartungen in ihrem Benehmen werden als Indiz für die Sinnlosigkeit des Lebens bestimmter gesellschaftlicher Schichten angesehen, demgegenüber auch Diskrepanz anderer Menschen dargestellt wird, eine Vorstellung von einem lebenswerten, schöpferischen Leben zu haben, aber mit vergleichsweise „niederen“ Tätigkeiten seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen („Antic Hay“). Unfähigkeit zu tiefen Gefühlen und Skrupellosigkeit in der Jagd nach dem Mammon werden in ihren Wirkungen gezeigt („Those Barren Leaves“).

Besonders eindrucksvoll wird geschildert, wie ein sich unpolitisch gebender Mensch plötzlich mit extremsten politischen Auffassungen konfrontiert wird. Huxley zeigt zur Schau gestelltes Kunstinteresse, welches Dilettantismus verbergen soll („Those Barren Leaves“) und das Auftreten von Disharmonien, z.B. in der Verdrängung der Liebe durch bloße Triebbefriedigung oder der Darstellung der Wissenschaft als Selbstzweck („Antic Hay“). Er hält der Generation, die den Weltkrieg überlebt hat, den Spiegel vor: „Seht, das ist aus uns geworden, die einstigen Ideale sind dahin“. Huxley deckt den Verlust eines Haltes in Religion, Liebe, Kunst und Wissenschaft auf und schafft damit wieder einen Halt, da er die Neuorientierung unterstützt.

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